Monotropismus
Fokus und Wechsel
Viele meiner Klient:innen beschreiben zwei Erfahrungen, die zunächst kaum zusammenpassen. Die eine: Sie versinken in einer Tätigkeit oder ihrem Spezialinteresse und merken erst Stunden später, dass sie weder gegessen noch getrunken haben. Die andere: Ein spontaner Themenwechsel im Gespräch, eine unangekündigte Planänderung, und plötzlich fühlt sich der gesamte restliche Tag wie eine einzige Herausforderung.
Monotropismus bietet dafür ein gemeinsames Erklärungsmodell.
Ein Hinweis vorab: Dieser Artikel informiert, er ersetzt keine Diagnostik und keine Psychotherapie. Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (telefonisch: 116 123 oder per Chat). Für Menschen unter 25 Jahren gibt es den Krisenchat. Im Notfall wende dich bitte an die 112.
Ein Tunnel statt eines Scheinwerfers
Murray, Lesser und Lawson (2005) gehen von einer einfachen Beobachtung aus: Aufmerksamkeit ist begrenzt und verteilt sich von Mensch zu Mensch verschieden. Manche Menschen halten vieles gleichzeitig im Blick. Andere bündeln ihre Aufmerksamkeit auf wenige Interessen und nehmen dort besonders viele Details wahr. Murray und Kolleg:innen bezeichnen diese zweite Form als monotropen (vs. polytropen) Aufmerksamkeitsstil.
Innerhalb dieses Fokus können eine außergewöhnliche Verarbeitungstiefe und eine präzise Detailwahrnehmung entstehen. In den Erfahrungsberichten, die Murray und Kolleg:innen zitieren, werden zwei Dinge deutlich: Der teils Stunden andauernde Fokus führt zum Verlust des Zeitgefühls. Und weil der tiefe Fokus beinahe die gesamte Aufmerksamkeit bindet, wird die Umgebung kaum mehr wahrgenommen.
Monotropismus war lange ein rein theoretisches Modell. Seit 2023 gibt es mit dem Monotropism Questionnaire von Garau und Kolleg:innen einen Fragebogen, der ihn messbar machen soll.
Was Monotropismus mit den klassischen Diagnosekriterien zu tun hat
Murray und Kolleg:innen (2005) beschreiben, wie sich daraus Hinweise auf alle drei diagnostischen Kriterienbereiche ergeben können. Im sozialen Kontakt laufen mehrere Anforderungen gleichzeitig: Mimik lesen, Tonfall interpretieren, die eigene Antwort vorbereiten und den Gesprächsfluss im Blick behalten. Ein monotroper Aufmerksamkeitsstil richtet sich eher auf einen Kanal. Andere Menschen oder Signale können dadurch im Hintergrund bleiben. Die Motivation, sich in andere hineinzuversetzen, kann nach Murray und Kolleg:innen entstehen, wenn diese anderen in den eigenen Fokus eintreten und dort eine Rolle spielen. Fremde Perspektiven wahrzunehmen bleibt dabei eine Leistung, die nicht automatisch geschieht.
Auch sog. repetitive Verhaltensweisen lassen sich so betrachten. Intensive Interessen binden Aufmerksamkeit besonders stark. Routinen machen den Einstieg in vertraute Tätigkeiten vorhersehbarer.
Ein unangekündigter Wechsel kann deshalb besonders hart sein. Wer tief im Fokus ist, erlebt eine scheinbar kleine Planänderung unvermittelt und reagiert mit deutlichem Stress. Nach einer Unterbrechung oder einem plötzlichen Wechsel kann Stimming oder eine vertraute Tätigkeit helfen, in einen regulierteren Zustand zurückzufinden.
Tiefer Fokus kann entlasten und belasten
Dwyer und Kolleg:innen (2024) haben 492 Erwachsene aus vier Gruppen verglichen: autistisch, mit ADHS, mit beidem zusammen und eine Kontrollgruppe. In allen vier Gruppen berichteten Personen mit stärkerem Hyperfokus auch mehr Unaufmerksamkeit. Das kann darauf hindeuten, dass Hyperfokus und Ablenkbarkeit je nach Kontext zwei Seiten derselben Aufmerksamkeitsorganisation sind.
Hyperfokus hängt direkt mit geringerer Lebensqualität zusammen. Gleichzeitig berichteten Menschen mit stärkerem Hyperfokus auch von mehr kreativen, produktiven und freudigen Momenten. Ob der tiefe Fokus belastet oder Freude macht, hängt offenbar davon ab, in welchem Zusammenhang er auftritt und wie die Person ihn erlebt.
In dieser Stichprobe berichteten zwei Drittel bis knapp drei Viertel der neurodivergenten Gruppen von Angststörungen. Rund die Hälfte berichtete von einer Depression, in der Kontrollgruppe war es etwa ein Fünftel. Die Angaben stammen aus Selbstberichten und sind keine klinisch gesicherten Häufigkeiten. Der Zusammenhang zwischen Hyperfokus und belastendem Grübeln war bei nicht-autistischen Teilnehmenden deutlich stärker als bei autistischen. Dieser Unterschied entstand vor allem in der Kontrollgruppe.
Wie ich mit Monotropismus in der Beratung umgehe
Murray und Kolleg:innen (2005) formulieren Grundsätze für die Begleitung monotroper Menschen, und Brosnan und Camilleri (2025) fassen den Kern davon in einem Bild: Unterstützung heißt, sich zu einer autistischen Person in ihren Tunnel zu setzen, statt sie herauszuholen. Sie selbst wenden diesen Gedanken auf digitale, erzählende Unterstützungsformate an. Für das Gespräch übersetze ich ihn so, dass ich bei vorhandenen Interessen ansetze und sie später mit der Exploration von Gefühlen, Werten und Identität verknüpfe.
Den Gesprächsrahmen halte ich vorhersehbar. Themenwechsel vermeide ich nach Möglichkeit, und wenn doch einer kommt, kündige ich ihn an und frage nach der Kapazität, ihn mitzugehen. Pro Sitzung bleibe ich bei ein bis zwei Bereichen. Ausführungen, die auf mich sehr detailliert wirken, unterbreche ich seltener und später als ich es früher getan hätte. Ich denke dabei nicht an Monologisieren sondern an den monotropen Stil, der die Details vor dem Großen Ganzen verarbeitet. Den Gesamtzusammenhang erkunden wir gemeinsam.
Wo Missverständnisse entstehen, frage ich zusätzlich, was auf beiden Seiten passiert. Das entspricht dem Double Empathy Problem: Kommunikative Herausforderungen entstehen zwischen unterschiedlichen neurologischen Profilen. Sie entstehen nicht auf der einen, also der autistischen Seite, sondern sind ein Produkt der wechselseitigen Interaktion.
Solche Missverständnisse wiederholen sich, und Murray und Kolleg:innen (2005) vermuten, dass sie bei depressiven Symptomen eine Rolle spielen können, etwa wenn Gesprächspartner:innen unruhig werden oder eine erwartete Reaktion ausbleibt. Depressive Symptome bei monotropen Klient:innen ordne ich deshalb heute anders ein als früher und frage auch danach, wie die soziale Umgebung auf die Person wirkt. Ein monotroper Aufmerksamkeitsstil trifft häufig auf eine Welt, die breite Aufmerksamkeit und schnelle Wechsel verlangt. Daraus kann Erschöpfung entstehen.
Zum Schluss
Ich schreibe über Monotropismus, weil diese Theorie vieles verständlich macht, was Klient:innen über ihre Aufmerksamkeit berichten.
Neugierig auf Mehr? Wenn tiefer Fokus abrupt endet, kann selbst das Weitermachen schwerfallen. Davon handelt mein Artikel Autistische Inertia: warum Anfangen und Aufhören so schwer sind.
Wenn du beim Lesen etwas wiedererkannt hast, kannst du dafür mein Workbook nutzen. Es ist frei zugänglich und benötigt weder Anmeldung noch Mailadresse.
Quellen
- Brosnan, M., & Camilleri, L. J. (2025). Neuro-Affirmative Support, the Double Empathy Problem and Monotropism. Frontiers in Psychiatry, 16, 1538875. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1538875
- Dwyer, P., Williams, Z. J., Lawson, W. B., & Rivera, S. M. (2024). A Trans-Diagnostic Investigation of Attention, Hyper-Focus and Monotropism. Neurodiversity, 2. https://doi.org/10.1177/27546330241237883
- Garau, V., Woods, R., Chown, N., Hallett, S., Murray, F., et al. (2023). The Monotropism Questionnaire [Preprint]. Open Science Framework. https://doi.org/10.17605/OSF.IO/G2NM7
- Murray, D., Lesser, M., & Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156. https://doi.org/10.1177/1362361305051398
NEWSLETTER
Wenn Du auf dem Laufenden bleiben möchtest!
Du erhältst ein- bis zweimal im Monat:
- Aktuelle Informationen zur Praxis
- Orientierungs- und Infomaterial zu Autismus (PDFs)



