Autismus und Schematherapie

Veasna Roth • 29. August 2026

Wenn die Realitätsprüfung an der Realität scheitert

In der Arbeit mit meinen autistischen Klient:innen erlebe ich über die Berichte verschiedener Personen hinweg ähnliche Muster. Viele autistische Menschen machen oft folgende Erfahrungen. Sie erleben:


  • Invalidierung, d.h. ihre Gefühle und ihr Erleben werden heruntergespielt, missachtet oder ihnen gänzlich abgesprochen.
  • Gaslighting, d.h. sie werden Opfer einer gezielten Manipulation, die die eigene Wahrnehmung, Erinnerung und den Verstand infrage stellen soll.
  • Victim Blaming oder Täter-Opfer-Umkehr, d.h. die Verantwortung für ein Unrecht wird vom tatsächlichen Täter auf das Opfer (die autistische Person) übertragen.


Wichtig zu wissen ist, dass alle drei Phänomene Formen von psychischer Gewalt darstellen und echten Schaden anrichten können.


Invalidierung liegt bspw. vor, wenn du bei deiner Hausärztin von deinen realen Beschwerden erzählst und sie dich mit Worten abspeist wie: „Machen Sie sich mal keine Sorgen. Sie sind jung, da wird schon nichts sein." Oder wenn dein:e Freund:in dir, möglicherweise sogar mit guter Absicht, spiegelt: „Das wird schon wieder. Jede:r hat mal einen schlechten Tag."


Gaslighting liegt vor, wenn du bspw. an einem Familienfest nicht teilnehmen möchtest und jemand dir entgegnet: „Es ist doch gar nicht laut (Gaslighting). Gib doch einfach zu, dass du keine Lust auf uns hast."


Und Victim Blaming oder Täter-Opfer-Umkehr liegt vor, wenn dein:e Partner:in dir vorwirft: „Weil du nicht direkt antwortest, zwingst du mich dazu, dass ich dich anschreie." Das tatsächliche Fehlverhalten der anderen Person (anschreien) wird durch das angebliche eigene Fehlverhalten erklärt bzw. legitimiert (ruhig sein). So wird das tatsächliche Opfer zur Täter:in gemacht („du strafst mich mit Schweigen"), und die tatsächliche Täterin oder der Täter macht sich selbst zum Opfer („ich muss dein Schweigen erleiden").


Solche Themen kommen in meiner Beratung häufig vor. Dass autistische und andere neurodivergente Menschen damit nach meiner Erfahrung häufiger zu tun haben, finde ich nicht verwunderlich. Der gängigen Prämisse folgend, dass autistische Wahrnehmung häufig anders funktioniert als neurotypische, sind Missverständnisse (vielleicht kennst du das Double Empathy Problem) soz. vorprogrammiert. Missverständnisse per se müssen nicht automatisch zu Verletzungen führen. Aber in der Konstellation, in der eine autistische Person ein Missverständnis mit einer neurotypischen Person hat, gibt es meines Erachtens eine Art Gefälle oder Disbalance: Die autistische Person befindet sich mit ihrer Wahrnehmung eher, statistisch sogar wahrscheinlicher, in der Minderheit. Die neurotypische Seite kann eher darauf vertrauen, dass ihre Wahrnehmung die richtige ist, weil sie von einer Mehrheit ähnlich wahrnehmender Individuen gestützt wird. Und so entstehen viel schneller Situationen, in denen aus einem eigentlich harmlosen Missverständnis („Oh, das habe ich gerade nicht verstanden. Wie siehst du das?") nicht selten ein Vorwurf oder eine Zurechtweisung wird („Das ist doch gar nicht so. Wie kommst du denn auf sowas? Warum bist du so empfindlich?").


Diesen kompletten Vorlauf an Informationen wollte ich dir mitgeben, bevor ich eine Methode vorstelle, die aus der sog. Schematherapie von Jeffrey Young kommt, und die ich in eine autismusgerechte Version anpassen möchte. Denn das sog. Schema-Memo, das ich gleich erkläre, arbeitet an einer wichtigen Stelle damit, die eigene Reaktion auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gefühle zu prüfen, um eine herausfordernde Situation für sich besser einzuordnen. Diese Realitätsprüfung scheitert aber bei neurodivergenten Menschen meiner Meinung nach an ebendieser Realität.


Ein Hinweis vorab: Ich arbeite als psychologischer Berater, nicht als Psychotherapeut. Dieser Artikel informiert und ersetzt keine Diagnostik und keine Psychotherapie. Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenfrei) oder im Notfall an die 112.


Das originale Arbeitsblatt


Das Schema-Memo führt in vier Schritten durch eine Situation, die eine besonders starke, als negativ empfundene emotionale Reaktion hervorgerufen hat, und die du dir aus ihr allein nicht gänzlich erklären kannst. Zuerst benennst du das Gefühl und den Auslöser, danach das Schema oder den Modus, der aktiviert wurde, samt der Kindheitserfahrung, aus der du ihn kennst. Der dritte Schritt heißt „Anerkennen der Dysfunktionalität / Realitätsprüfung", der vierte „Trennen vom alten und Einbrennen des neuen Verhaltensimpulses". Die deutsche Fassung stammt von Eckhard Roediger nach Jeffrey Young (1996/2002) und steht frei zum Download auf der Materialienseite von schematherapie-frankfurt.de.


Die ersten beiden Schritte helfen nach meiner Erfahrung auch autistischen Erwachsenen. Denn wenn du merkst, dass deine Reaktion aus einer langen Vorgeschichte kommt und nicht mal eben aus einer vermeintlichen Kleinigkeit entstanden ist, dann ist es dir mehr möglich, sanfter mit dir umzugehen und echtes Verständnis aufzubauen. Meine eigene Version, das Arbeitsblatt „Was gerade in mir angeht", übernimmt sie deshalb im Kern.


Der schmale Grat zwischen Realitätsabgleich und Invalidierung


Im dritten Schritt gibt das klassische Blatt drei Satzanfänge vor: „Obwohl ich glaube (negativer Gedanke/Innere-Eltern-Stimme) …", „Ist die Realität, dass (rationale Sichtweise/Gesunder Erwachsener) …" und „Beweise (konkrete Beispiele) …". Du sollst also Belege dafür zusammentragen, dass die Sätze und Schlussfolgerungen, die mit deinen Gefühlen mitschwingen, in deiner Gegenwart nicht mehr ganz zutreffend sind.


Bei vielen meiner autistischen Klient:innen sind aber genau diese Schlussfolgerungen auch in ihrer heutigen Situation plausibel und beinahe vernünftig, nicht etwa verzerrt oder überzogen. Autistische Kinder erleben häufiger Mobbing, Ausgrenzung und Beschämung, und häufiger mehrere Formen von Gewalt nebeneinander, auch in Einrichtungen und im Gesundheitswesen (Spicer et al., 2024). Spicer et al. (2024) beschreiben die Belastung autistischer Erwachsener zudem über ein angepasstes Minderheitenstress-Modell: Ein Teil des Drucks kommt weiterhin von außen, aus einer Umgebung, die auf neurotypische Menschen zugeschnitten ist, ein anderer ist verinnerlicht und wirkt als erwartete Zurückweisung oder als Scham über die eigene Identität weiter.


Wenn du nach einem Arzttermin denkst, deine Sorgen seien wieder nicht ernst genommen worden, prüfst du damit keine verzerrte Annahme. Du beschreibst eine Erfahrung, die dir nicht nur biografisch recht gibt, sondern die auch viele autistische Menschen noch im Erwachsenenalter machen. Eine durch das Arbeitsblatt angeleitete Beweisführung gegen diese Wahrnehmung kann dieselbe Invalidierung auslösen, die du aus anderen Kontexten kennst, und das alte Muster perpetuieren.


Was ich stattdessen prüfe


Mein angepasstes Blatt fokussiert an dieser Stelle auf ein anderes Ziel: Näher beleuchtet wird die Verallgemeinerung, die du aus deiner Erfahrung über dich selbst gezogen hast. Der Schritt heißt „Was wahr ist, aber trotzdem nicht daraus folgt" und hat drei Spalten. In die erste schreibst du, was wahr ist, zum Beispiel: „Medizinisches Fachpersonal nimmt meine Sorgen häufig nicht ernst." In die zweite kommt, was daraus trotzdem nicht folgt, etwa: „dass ich etwas falsch gemacht habe oder etwas falsch mit mir ist." Die dritte, „Wo es anders war oder anders sein kann", sammelt die Gegenbeispiele zu dieser zweiten Zeile, nicht zur ersten. Deine Erfahrung bleibt also stehen. Was du prüfst, ist der Satz über dich selbst, den du dir daraus abgeleitet hast.


Was daraus für den letzten Schritt folgt


Der letzte Schritt des klassischen Blattes soll das alte Bewältigungsverhalten ablösen und setzt damit voraus, dass dessen frühere Funktionalität heute kaum oder nicht mehr benötigt wird. Es wird im vorliegenden Kontext als dysfunktionalbezeichnet. Für Masking gilt das aus meiner Sicht nicht: Es ist insofern alt, als viele autistische Menschen schon sehr früh zu masken lernen. Aber es ist auch eine Strategie, die in einem neurotypisch dominierten Umfeld noch im Erwachsenenalter notwendig ist.


Denn solange Risiken wie Ausgrenzung, Stigmatisierung oder Invalidierung real bleiben, bleibt auch dein Schutz begründet. Mein Arbeitsblatt würdigt das alte Verhalten deshalb zuerst und regt danach nur einen einzigen kleinen Schritt für das nächste Mal an, den du selbst wählst.


Was die Forschung sagt


Vuijk et al. (2024) haben in einem Review zusammengetragen, was zur Schematherapie bei autistischen Erwachsenen vorliegt: elf Publikationen seit 2014, darunter Fallbeispiele, konzeptuelle Modelle und drei Untersuchungen zur Wirksamkeit. Die Autor:innen bezeichnen ihre Arbeit ausdrücklich als Landkarte der vorhandenen Literatur und nicht als Synthese klinischer Wirksamkeit. Die Studien arbeiten bspw. nur mit kleinen Stichproben und ohne Kontrollgruppen. Auch Spicer et al. (2024) legen keine eigene Wirksamkeitsstudie vor, sondern einen Übersichtsartikel, der Anpassungen theoretisch und aus klinischer sowie gelebter Erfahrung begründet.


Einen Wirksamkeitsnachweis für an autistische Erwachsene angepasste Schematherapie gibt es damit bisher nicht. Mein eigenes Blatt baut daher auf meiner Erfahrung mit all den autistischen Menschen auf, die ich über die Zeit kennenlernen durfte.


Das Blatt zum Downloaden


„Was gerade in mir angeht" umfasst fünf Seiten und ist frei verfügbar: PDF herunterladen. Es beginnt beim Körper statt beim Gefühl, sortiert vorher einmal, ob es zu viele Reize waren (dann darfst du aufhören), und will dir zeigen, dass es autistische Realitäten anerkennt. Du darfst es gerne für dich nutzen. Ich hoffe, es kann dir etwas zurückgeben.


Quellen


  • Spicer, L., DeCicco, E., Clarke, A., Ambrosius, R., & Yalcin, O. (2024). Understanding early maladaptive schemas in autistic and ADHD individuals: exploring the impact, changing the narrative, and schema therapy considerations. Frontiers in psychology, 15, 1436053. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1436053
  • Vuijk, R., Turner, W., Zimmerman, D., Walker, H., & Dandachi-FitzGerald, B. (2024). Schema therapy in adults with autism spectrum disorder: A scoping review. Clinical Psychology & Psychotherapy, 31(1), e2949. https://doi.org/10.1002/cpp.2949


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